Kindergeschichten

von Ronja ❤

 

Ein kleines Zimmer, aber durch große Fenster hell und freundlich. Durch einen kleinen Spalt in den lila Vorhängen schickte der Mond sein sanftes Licht. Eine Deckenlampe mit bunten Bären erhellte das Zimmerchen. Das schmale Bett war von Scharen von Kuscheltieren bevölkert und mittendrin lag ein kleines Mädchen. Die rosa Decke bis zum Kinn gezogen, lag sie auf ihrem ebenfalls rosafarbenen Kissen. Seine Augen waren schon ganz klein, aber es wollte noch nicht schlafen.

„Mamie, erzählst du mir eine Geschichte?“ Die junge Mutter, die sich gerade zum Gehen gewandt hatte, setzte sich wieder auf die Bettkante. Sie streckte die Hand aus und strich ihrer Tochter sanft eine Strähne aus dem Gesicht. „Natürlich mein Schatz. Aber bist dafür nicht zu müde?“ Die Kleine musste ein Gähnen unterdrücken, schüttelte aber trotzdem tapfer den Kopf und riss die Augen auf. „Nein, ich bin gar nicht müde.“ Die Mutter lachte leise. „Na gut. Welche willst du denn hören?“ Das Mädchen überlegte. „Die Heldengeschichte.“, rief die Kleine laut. Die junge Frau lächelte wieder, dann hob sie die Decke und kuschelte sich zu ihrer Tochter.

„Okay. Also, es war einmal ein Mädchen, das eigentlich ganz normal war, so wie du und ich. Sie hatte ganz lange blonde Haare“, dabei strich sie der Kleinen über ihre hellen Haare und brachte sie zum Kichern, „wunderschöne blaue Augen, mit denen sie alles sehen konnte, was auf der Welt vor sich ging und sie war sehr klug. Und weißt du wie sie geheißen hat?“, fragte die Mutter und stützte sich auf einen Arm, damit sie ihre Tochter ansehen konnte. Die Kleine hing wie gebannt an den Lippen ihrer Mutter und schüttelte den Kopf. „So wie du.“ Das Mädchen riss staunend die Augen auf. „Echt? Das ist ja lustig.“ Und sie kicherte wieder.

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„Und wie geht’s weiter?“, fragte sie ungeduldig. „Also das hübsche Mädchen konnte alles sehen, was auf der Welt vor sich ging. Ach und hab ich schon erwähnt, dass sie fliegen kann?“ Ihre Tochter gab ein staunendes Uiii von sich. „Sie konnte sehen, wenn jemand was Böses gemacht hat. Dann ist sie zu dem hingeflogen und hat mit ihm geredet.“ Das Mädchen zog verwirrt die Stirn kraus. „Aber wie konnte sie das wissen?“, fragte sie. Die Mutter überlegte kurz. „Sie hat es nicht so richtig gewusst sondern eher gespürt. Weißt du? Hier drin.“ Sie legte ihre Hand auf das Herz des Mädchens. „Achsoooo.“, rief die Kleine und brachte ihre Mutter wieder zum Schmunzeln. „Wenn also jemand was Böses gemacht hat, dann ist sie da hin geflogen und hat geholfen. Sie hat denjenigen, egal wer die Person war oder wie sie ausgesehen hat, an der Hand genommen und ist mit ihr davongeflogen.“

Das kleine Mädchen stutzte schon wieder. „Aber einer von den Großen aus der Schule hat gesagt, dass nicht alle Menschen gleich böse sind. Leute, die von woanders kommen machen viel schlimmere Sachen. Die sind viel böser.“ Die Mutter wurde ernst. „Wer sagt denn sowas?“ Das Mädchen setzte sich auf und die Decke rutschte ihr von den Schultern. „Das hat uns Ben erzählt. Der geht schon in die dritte Klasse.“ Die junge Frau nahm sanft eine Hand ihrer Tochter und sah ihr eindringlich in die Augen. „Sowas darfst du nicht glauben. Das stimmt nicht. Wenn jemand böse ist, dann merkt man das nicht am Aussehen, sondern da, wo das hübsche Mädchen es gespürt hat.“ Die Kleine legte ihre Hand über das Herz ihrer Mutter und sah sie mit großen Augen an. „Hier drin?“, fragte sie. Die Mutter nickte. Als sich ihre Tochter wieder hingelegt hat, erzählte sie weiter. „Das Mädchen hat also die bösen Leute an die Hand genommen und ist mit ihnen zu den Wolken geflogen. Da haben sie sich hingesetzt und das Mädchen hat ihnen alles Schöne der Welt gezeigt. Zum Beispiel die Schmetterlinge, die auf den Blumen sitzen, fröhliche Familien, spielende Kinder, alle Tiere der Erde…“ Die Kleine überlegte. „Auch Delfine? Und Katzen und Hunde und Hasen? Und hat sie denen auch Einhörner und Feen gezeigt?“

Ihre Mutter kniff die Augen zusammen und tat so, als würde sie angestrengt nachdenken. „Ja, ich glaube, das alles hat sie ihnen gezeigt. Obwohl ich mir bei den Feen nicht sicher bin, die sind furchtbar schüchtern.“ Die Kleine kicherte wieder und kuschelte sich in ihr Kissen. „Durften die dann da auf den Wolken auch Eis essen?“, fragte sie. „Natürlich. Soviel sie wollten.“, antwortete die Mutter und strich ihr über die Stirn. „Ich will auch zu den Wolken fliegen und Eis essen.“, murmelte die Kleine schläfrig. „Als die Leute, die etwas Böses gemacht haben das alles sahen, verstanden sie, was sie falsch gemacht hatten und wurden wieder gut. Und das Mädchen brachte sie zu ihren Familien zurück, wo sie bis an ihr Lebensende glücklich lebten. Und wenn sie nicht gestorben sind…“ Die Mutter stand langsam auf und ging aus dem Zimmer. Sie löschte das Licht und schloss die Tür. „…dann leben sie noch heute.“, flüsterte das kleine Mädchen und schwebte lächelnd in das Land der Träume.

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