Kunst muss wehtun!

Günter Grass, ein sehr umstrittener Schriftsteller hielt am 7. Dezember 1999 eine Dankesrede für den Literaturnobelpreis vor der „Royal Academie“ in Stockholm. Er erzählt anfangs davon, wie und warum er Künstler bzw. Schriftsteller geworden ist und wie er dann mit seiner Trilogie („Die Blechtrommel“, „Hundejahre“, „Katz und Maus“) für Aufsehen gesorgt hat. Des Weiteren erwähnt er einige Argumente, warum genau dieses Umstrittensein für Schriftsteller so gut ist.

Grass führt an, dass er es als belebend empfindet, umstritten zu sein. Er sieht das als Berufsrisiko an: „Es ist nun mal so, daß die Autoren des bloßen Weltgeschehens den Mächtigen, die stets auf der Siegerbank ihr Platzrecht behaupten, gerne und wohlbedacht in die Suppe spucken […]“. Er ist also der Meinung, dass die Schriftsteller, die sich mit dem Weltgeschehen auseinandersetzen, gerne den Mächtigen (Regierungschefs, Lobbyisten, hohen Tiere in der Wirtschaft…) quasi auf die Füße treten mit ihrer Literatur.

Weiter sagt der Autor, dass es nach wie vor (auch in Deutschland) Zensur gibt, die sich analog zur Literatur entwickelt. Das heißt, umso mehr umstrittene Literatur auf der Welt existiert, was mit der Zeit unvermeidbar ist, umso mehr Zensur gibt es auch. Doch die Menschen verschließen sich seiner Meinung nach vor diesen Problemen der Schriftsteller. Als Beispiel führt er hier den Fall des namibischen Autors Ken Saro-Wiwa an, dessen Hinrichtung bald schon vergessen war, dank der Geschäfte des Ölgiganten Shell, die durch die Proteste gestört wurden.

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Günter Grass spricht außerdem von der Pluralität von Wahrheit. Er sagt, dass die Mächtigen dieser Welt nur eine „Wahrheit“ akzeptieren. Doch die Schriftsteller decken diese Pluralität auf, zeigen also andere mögliche Wahrheiten, die von den Ideologien nicht als solche gesehen werden. Das führt dann zur Zensur.

Ein weiterer Punkt des Autors ist, dass den Leuten sauer aufstößt, wenn Schriftsteller die Vergangenheit wieder ansprechen. Sie können „die Vergangenheit nicht ruhen lassen“ und ihnen ist nichts zu heilig, um es anzusprechen. Doch das ist die Aufgabe der Autoren. Außerdem stellen sie sich auf die Seite der Verlierer, was das historische Weltgeschehen angeht, das passt den Siegermächten natürlich nicht.

Wie Grass anfangs schon angesprochen hat, bringt das Autorendasein ein gewisses Risiko mit sich. „Ein Schriftsteller, Kinder, ist jemand, der gegen die verstreichende Zeit schreibt.“, so heißt es im Buch „Tagebuch einer Schnecke“, das Günter Grass in seiner Rede anführt. Allerdings ist nicht hundertprozentig klar, ob er diese These unterstützt.

Eine gewisse Analogie mit J.K. Rowlings Bestseller findet sich im nächsten Punkt von Grass. Frei nach „Der Zauberstab sucht sich den Zauberer“, meint der Autor, dass ein Schriftsteller sich nicht ein Thema sucht, sondern es ihm vorgegeben ist. Dieses Themenfinden beruht auch auf den Lebensumständen des Individuums. So nennt Grass sich selbst als Beispiel: Er stammt aus einer Flüchtlingsfamilie, das beeinflusst seine Literatur ungemein. Abschließend spricht er davon, dass Schriftsteller Verlorenes (wie die Stadt Danzig als Heimat) nicht in Vergessenes abrutschen lassen.

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Diese Argumente von Günter Grass kann ich nur unterstützen. Wenn man sich als Schriftsteller, so wie ich selbst auch, mit aktuellem Geschehen auf der Welt auseinandersetzt, eckt man oft an. Vielen Leuten passt die Meinung der Autoren, die durch ihre Bücher publiziert wird, nicht, weil es nicht die Meinung der breiten Allgemeinheit ist. Ein Buch beispielsweise, das zwar argumentativ stichhaltig ist, aber gegen die CDU-CSU-Regierung spricht, wird in unserem Land nicht viel Anklang finden, da die breite Masse diese Parteien wählt. Ein rassistisches Buch dagegen, das subtil gegen Ausländer in Deutschland hetzt, jedoch nicht zu direkt ist, spricht viele Menschen vermutlich an, da es unterbewusst deren Meinung ausdrückt.

Doch die Schriftsteller sollten auf keinen Fall aufhören zu provozieren! Im 21. Jahrhundert darf es einfach keine solche Zensur, wie wir sie auf der ganzen Welt vorfinden, mehr geben. Die Vergangenheit darf sich nicht wiederholen und so sehe auch ich es als Aufgabe der Schriftsteller und allgemein der Künstler an, die Menschen zu erinnern und zu ermahnen. Denn Kunst muss wehtun! Das ist ein Motto, dem wir alle folgen sollten.

Durch das Umstrittensein eines Autors bekommt dieser auch mehr Aufmerksamkeit. Denn sein Name wird immer wieder genannt: Sei es bei den Gegnern, die sich gegen ihn stellen und ihn verurteilen, oder sei es bei den Menschen auf seiner Seite, die ihn unterstützen. Sein Werk wird von beiden Seiten gelesen, nur mit verschiedenen Intentionen, was seiner Bekanntheit allerdings nicht abträglich ist. Denn negative Publicity ist immer noch Publicity!

Was ich persönlich auch sehr erschreckend finde, ist die Tatsache, dass es immer noch Tabuthemen in der Kunst, aber vor allem in der Literatur und im Film gibt. Die Behandlung von Themen wie Queersein, Rassismus, Apartheidt, Abtreibung, Sexismus und Missbrauch nimmt zwar zu in der Kunstszene, gelten dennoch als Independent-Stoff. Diese Bücher oder Filme erleben oft einen unglaublichen Hype, weil wieder jemand gewagt hat, eins der Themen anzusprechen. Doch warum ist das so außergewöhnlich? Das gehört auch alles zu unserer Welt. Nur leider ist das gesellschaftlich nicht akzeptiert, es hat sich noch nicht eingebürgert.

Homosexuelle, Transsexuelle, Bisexuelle, alle Queeren gelten als „anders“. Aber warum eigentlich? Das sind alles dieselben Menschen. In erster Linie sind wir doch alle Menschen, also warum sollten die queeren Gesellschaftsmitglieder nicht genauso ganz normaler Stoff für Bücher und Filme sein, ohne dass man diese mit der Tatsache der Sexualität extra bewirbt? Genau mit diesen „Tabuthemen“ können Autoren anecken und für ihr Umstrittensein sorgen, wie Günter Grass es auch tut.

Mein Fazit also: Wir sollten mehr auf Schriftsteller und Künstler im Allgemeinen hören, da sie uns daran erinnern, wer wir sind, was war und was wir nicht wiederholen wollen. Außerdem sollten wir als Autoren mehr provozieren, denn: Kunst muss wehtun!

Das ist mein Deutschaufsatz aus der letzten Klausur in der 12. Klasse vor dem Abitur. Material war die gekürzte Rede von Günter Grass, die ich unten verlinkt habe. Wir sollten daraus die Argumentationsstruktur darstellen und dann noch in einem kurzen Kommentar Stellung dazu beziehen. Da ich bei meinen letzten Klausuren immer vergessen habe, sie hier hochzuladen, dachte ich mir, dass ich wenigstens meine letzte in meinem Schulleben noch veröffentlichen kann.

Bis bald, deine

Angela ❤

Die ganze Rede Grass‘

Bilderquellen: Wikimedia Commons, flickr

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