Was Kleist zur Krise beitragen kann

Edler und besser sollen wir durch die Liebe werden.

Heinrich von Kleist

Im Zuge meines Studiums muss ich offensichtlich viel lesen. Ganz oben auf den Lektürelisten meiner Seminare stehen natürlich „Klassiker“, wie Goethe, Homer, Shakespeare oder Kafka. Aber vor Kurzem habe ich auch Kleists „Das Erdbeben in Chili“ gelesen. Diese Kurzgeschichte hat mich zu vielen Gedanken angeregt, vor allem was unsere derzeitige Corona-Krise angeht.

Kurz zusammengefasst geht es in dem Text um ein Liebespaar, das wegen ihrer „Unzüchtigkeit“ verurteilt wurde. Er sitzt zu Beginn im Gefängnis und sie ist gerade auf dem Weg zur Hinrichtung. Die beiden haben auch ein kleines Baby zusammen. Doch kurz bevor sie stirbt, kommt es zu einem Erdbeben in der Stadt und alle Gebäude werden zerstört, viele wichtige Kleriker und Politiker sterben.

Die meisten Bewohner können fliehen und treffen sich wieder in einem Tal vor ihrer Stadt. Auch das Liebespaar entkam und hat sich wiedergefunden. Dort im Gras sitzen alle Gesellschaftsschichten zusammen. Es ist ganz egal, ob man arm oder reich ist, kriminell oder religiös, alle sitzen sie dort zusammen und helfen sich gegenseitig. Das Paar gesellt sich zu einer wohlhabenden und angesehenen Familie, die sie freudig bei sich unter einem Baum aufnimmt.

Doch dann gehen alle überlebenden Stadtbewohner zurück in die Kirche, die erhalten geblieben ist, und beten zusammen. Diesen Gottesdienst leitet ein Chorherr, da der Priester im Erdbeben umgekommen ist. Doch statt den Menschen Mut zu geben in dieser schweren Zeit, hetzt er gegen die Bewohner und findet letztlich auch die „Schuldigen“ für das Erdbeben: das „unzüchtige“ Liebespaar.

Daraufhin bricht Tumult aus in der Kirche und die Bewohner stürzen sich auf die beiden. Doch ihr Freund, der sie bei sich und seiner Familie aufgenommen hat, stellt sich schützend vor sie und ihr Kind und verteidigt sie. Draußen vor dem Gotteshaus kommt es dann zum Drama: das Paar wird getötet, sowie der Sohn ihres Verteidigers, der fälschlicherweise für ihren Sohn gehalten wird. Er wird an einem Kirchenpfeiler totgeschlagen. Der Text endet damit, dass der edle Retter das fremde Kind mitnimmt und aus der Stadt mit seiner Familie flieht.

Ich weiß, die Storyline klingt erst einmal sehr verstörend und das ist sie auch. Aber Kleist war dafür bekannt, dass er keine didaktischen, das heißt pädagogisch wertvollen oder erziehenden, Werke geschrieben hat. Auf einer Metaebene kann man natürlich argumentieren, dass das doch didaktisch ist, aber das ist eine andere Geschichte.

Ich wollte hier Parallelen zu unserer aktuellen Krise ziehen.

Kleists Geschichte kann man grob in drei Teile aufteilen: in der Stadt (Vorgeschichte & Ausgangssituation) – im Tal – in der Stadt (bzw. in der Kirche). Wenn man eine Stimmungskurve für den Leser ziehen würde, würde sie vermutlich einfach eine Parabel ergeben.

Am Anfang ist man wütend oder fassungslos über die Vorgeschichte des Liebespaares. Dann bekommt man so etwas wie Genugtuung dafür, dass die Hinrichtung durch das Erdbeben missglückt ist und die beiden entkommen konnten. Gleichzeitig empfindet man natürlich Mitgefühl für die Stadtbevölkerung. Doch dann, wenn sich alle zusammen im Tal einfinden und alle, egal ob arm ob reich, zusammensitzen, bekommt man Hoffnung. Welche just zerstört wird, wenn es zurück in die Kirche geht. Dieses zwischenzeitliche Hoch wäre also der Scheitelpunkt der Parabel, nach dem alles nur noch bergab geht.

Ich muss sagen, dass ich bei dem zwischenzeitlichen Hoffnungsschimmer im Tal wirklich guter Dinge war. Ich kannte den Ausgang der Geschichte beim ersten Mal Lesen noch nicht, weshalb ich an ein Happy End geglaubt habe.

Als ich den Teil gelesen habe, als Kleist beschreibt, wie alle Bevölkerungsschichten zusammenhalten, fremde Kinder gestillt und Essen geteilt wird, habe ich an unsere Corona-Krise in der Welt denken müssen. Ich hatte kurzzeitig die Hoffnung, dass die ganze Zeit jetzt, ein paar Menschen dazu bringt, umzudenken. Ich habe gehofft (und hoffe teilweise noch immer), dass es zu einem Umbruch in der Welt kommt, dass wir alle enger zusammenstehen werden (natürlich im metaphorischen Sinne) und dass wir radikal etwas an unserer Lebensweise ändern.

Doch ich wurde eines Besseren belehrt. Kleist hat mir wieder einmal gezeigt, dass es in der echten Welt keine Happy Ends gibt, dass unsere Bevölkerungsschichten immer bleiben werden und dass ein Umdenken gar nicht möglich ist. Die Menschen sind zu festgefahren, sie sind zu bequem, etwas an ihrem Leben zu ändern, was sie eventuell etwas in ihren Luxus einschränken könnte.

Die Konflikte in der Welt sind wichtiger als unser aller Überleben und das Überleben unseres Planeten. Das immer wieder zu sehen im Verhalten der Menschen zerstört meine Hoffnung auf ein besseres Leben für die nachfolgenden Generationen. Das Motto der Menschheit lautet: Nach mir die Sintflut.

Noch habe ich die Hoffnung nicht vollständig aufgegeben. Aber bei jedem weiteren Tweet aus der rechten Ecke, bei jedem weiteren Beitrag der AfD oder der Partei „Widerstand 2020“, bei jeder weiteren „Corona-Party“ geht ein weiteres Fünkchen dieser Hoffnung verloren. In ein paar Wochen wird sie wohl vollständig weg sein, wenn sich nicht etwas ändert.

In diesem Sinne, sei besser als die anderen und sei vor allem lauter als sie, dann können wir es vielleicht schaffen! Bis bald, deine

Angela ❤

Bilderquellen: Wikipedia, Pixabay

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Xeniana sagt:

    Danke für das Teilen dieser Geschichte.
    Der Mensch ist ein Gewohnheitstier….leider

    Gefällt 1 Person

    1. Angela sagt:

      Ja, das habe ich vor allem in letzter Zeit auch immer wieder zu sehen bekommen…

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