Zwischen Genie und Wahnsinn

Vielleicht ist es der Umstand, dass ich nicht nur Künstler sondern auch Geschäftsmann bin, wahrscheinlich ist es aber das Wesen eines Künstlers an sich, dass man viel zu oft zwischen Größenwahn und Manie hin und her springt. In meinem Falle gebar der Künstler den Geschäftsmann, da es über kurz oder lang notwendig wurde die, vielen Projekte in einen organisatorischen Rahmen einzufassen. Ob nun als Künstler oder nicht, die Regeln blieben dieselben. Ich blieb stets Visionär, Träumer… und wurde selten zum „Macher“. Die Ideenlisten, Pseudotagespläne und Rohlinge werden also immer mehr, die fertigen Manuskripte sind dünn gesät. In meiner Produktionsfirma wurde dies Gottseidank begriffen und ich übernahm die „Kaffeehaus-Diplomatie“, das Ausgraben neuer Menschen und Ideen also, die Detailarbeit erledigen andere.

Was zwingt nun aber viele Künstler in ein ständiges Wechselbad aus Traumtänzerei und seelischen Löchern?

Zuerst einmal:

Um überhaupt mit Projekten anzufangen und die Dinge ins Rollen zu bringen, muss man sich über endlose Kritiker, Neider und Mitmenschen, welchen schlicht das Verständnis fehlt, hinwegsetzen. Das mag nun aber leider oft nicht nur der Bauarbeiter-Vater / -Onkel sein, welcher zu einem „ordentlichen Beruf“ rät… nein… es sind viel zu oft Kleingeister aus den eigenen Reihen. Andere Produzenten, Autoren, Kulturschaffende… vielleicht selber nur mäßig weit gekommen, weit abgeschlagen von Erfolgsaussichten, aber dennoch auf den ersten Blick erfahrener als man selbst. Diese toxischen „Realisten“ geben dann in zahllosen Internetforen und Tischgesprächen ihre trübe Weltsicht wieder und reden einem jede Erfolgsaussicht und jeden Spaß aus… Pfui.

Der Versuch, derartige Giftmischer zu übergehen, führt allerdings (denn manchmal ist es wirklich nur ein gut gemeinter Rat vom Profi) schnell zu einer zweiten – nicht weniger tödlichen – Vereinigung. Hobby-AutorInnen, Hobby-FilmemacherInnen, Dusch-MusikantInnen… viele Groschenromane und in Vaters Garage gedrehte Kurzfilme nahmen hier ihren Anfang… womit es enden kann, wenn TräumerInnen ohne Ausbildung aufs Ganze gehen, hat uns „The Room“ anschaulich gezeigt. Hier gilt es Maß zu halten… in Foren und Gruppen dieser Art kann man motivierte Leute, interessante neue Blickwinkel aber eben genauso auch selbstverliebte Scharlatane ausgraben… es gibt eben doch eine Daseinsberechtigung für Ausbildungen und Zertifikate (die für sich alleine wiederum allerdings ebenso zu gar nichts berechtigen^^).

Zu guter letzt sind auch KünstlerInnen nur Menschen mit Gefühlen… Ablehnung, hochgesteckte Ziele und der ständige Druck einer Branche, in der es immer enger wird… all dies hinterlässt seine Spuren.

Warum also gehen wir auf diese Höhenflüge? Warum stecken wir die Energie von Monaten, wenn nicht Jahren in Projekte, nur um sie dann aufzugeben, zu verstecken… gar zu verbrennen?

Warum müssen wir ein anderes Mal das Bett hüten oder einen längeren Landaufenthalt einlegen um nicht vollends durchzudrehen? Warum enden Talente in der völligen Sackgasse?

Weil die KünstlerInnen davon leben. KünstlerInnen leben von der Anerkennung ihrer Werke und von der eigenen, verwirklichten Schaffenskraft… nicht vom Geld und auch nicht vom banalen Ruhm der Massen.

Zwar wurde in den letzten Wochen wieder darauf aufmerksam gemacht – und ja, es ist eine Schande, dass wir immer noch HungerkünstlerInnen und KünstlerInnen in stupiden Brotberufen erleben müssen – dies aber ist etwas anderes, als ein Leben im Überfluss. Ein Schriftsteller, wie ich etwa, ist von ständigem rastlosen Schaffen getrieben, von neuen Ideen, die einen erschlagen und im Zeitplan bin ich ohnehin hinterher. Ich lasse es mir gerne gut gehen, keine Frage. Doch ein Leben im völligen materiellen Überfluss, ohne eine Aufgabe oder der Spur einer sinnschaffenden Beschäftigung, wäre wohl nichts weiter als unsagbar langweilig und ein stiller geistiger Tod. Ein Millionärsleben unter Palmen, kann also – vor allem für die Jugend – wohl kaum das Endziel sein, wir wollen ja schließlich etwas schaffen, vielleicht auch hinterlassen und nicht schlicht die Füße auf den Tisch legen (tun wir ja laut Gesellschaft ohnehin).

Es sollte immer gelten, dem Werk, der Vollendung und der Selbstverwirklichung nachzueifern… nicht dem Millionenpublikum. Es ist kalt und ziemlich eng geworden in der Kunst, genauso in der Wirtschaft… und dies schon vor der Krise… die neue Devise ist also: Klein, seriös, handwerklich gut gemacht. Kunst ist immer auch ein wenig Selbstzweck, aber macht es weil ihr euch und euer Werk selbst schätzen und anerkennen könnt… lebt dafür, diese Ideen umzusetzen und steht zu euch, ohne arrogant zu werden. Wer seine Werke mit Liebe und Wertschätzung hinausträgt und vor allem den Weg konsequent weitergeht, der wird zu Anerkennung kommen… sei es auch nur ein kleiner Kreis… aber wer will eigentlich der plumpen Masse gefallen? Warum sollte sich ein Autor für Mundartdichtung mit „Transformers“ oder einer Dieter Bohlen-Biographie messen wollen?

Wenn meine alte Weggefährtin (und treue Sekretärin), die in unseren Reihen immer die beste Tänzerin war, als jüngste Stipendiatin ihrer Zeit, zum Tanzstudium nach Berlin aufbrechen darf und ihre alte Crew verlassen muss… dann ist dies Ende und Anfang zugleich. Wenn sie dort dann auf diverse „Ältere“ trifft, die ihr höflich den Platz am Ende der Fahnenstange zuweisen, so ist dies ärgerlich, aber kein Grund zusammenzubrechen… hier gilt es, weiterzumachen und die Dinge anzupacken.

Wenn „Brav-Töchterlein“ zuerst in einer bezahlten Schauspiel-Company ihre zugesicherten drei Auftritte pro Jahr hat, dann im Bezahlverlag drei Fantasy-Romane fabriziert und zu guter letzt (nach verpatztem Aufnahmetest) auf der sündhaft teuren Privatuni Medizin studieren darf… dann sollte man vielleicht ein paar Punkte überdenken….

Vor Jahren starb ein Freund von mir. Buchhändler, Autor, Dichter, Sozialarbeiter. Gestorben, mitten im Versuch rund 500 Texte für eine spezielle Lesung zu schreiben… Auf den ersten Blick alles unscheinbar… kleiner Buchhändler, nette kleine Lesungen, nicht allzu weit bekannt… nicht so allerdings, als über 500 Leute zum Begräbnis erschienen, um den Mann zu verabschieden, der ihnen im Leben zumindest einmal eine große Stütze war… so auch mir…

Das war ein Gastbeitrag von Florian Juterschnig von optixsociety. Ich habe bei ihnen auf der Seite auch einen Beitrag geschrieben (der Mai-Beitrag in der Textsammlung). Ich muss sagen, dass ich Florian in seinen Punkten oben vollkommen zustimme. In meinem Gastbeitrag geht es auch um KünstlerInnen und deren Probleme, also schaut da gern vorbei.

Bis bald, deine

Angela ❤

Bilderquelle: pixabay

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