YOU – Du wirst mich lieben #2

War ich schon immer dazu bestimmt, so zu enden?

Joe (in YOU Staffel 2 Folge 9)

!!! Achtung: SPOILERWARNUNG !!!

Nachdem seit Ende letzten Jahres die zweite Staffel der Netflix-Serie YOU online ist, habe ich es auch endlich einmal geschafft, sie mir anzuschauen. Wie schon bei der ersten Staffel will ich im Zuge dieses Beitrages auf meine Eindrücke zu den Charakteren und deren Beziehungen und Entwicklungen eingehen. Wichtig hierbei: ich mache hier nur pseudo-psychologische Analysen mithilfe meiner eigenen Küchen-Psychologie. Ich habe keinerlei fachliche psychologische Kenntnisse, interessiere mich lediglich für die Wissenschaft. Also habt bitte keinen Anspruch auf Wahrheit oder fachliche Kompetenz bei diesem Beitrag.

Für Staffel 2 gehen wir raus aus New York City, fahren einmal quer durch die USA, um dann in Los Angeles, der Stadt der Engel zu landen. Zusammen mit Joe Goldberg, der sich diesmal allerdings eine neue Identität zugelegt hat, nachdem er von seiner Ex-Freundin Candice, die er lebendig begraben hat, verfolgt wird. Er heißt jetzt Will Bettelheim.

Man bemerkt schon am Anfang, dass Joe (ich werde ihn weiterhin so nennen, da es sonst sehr kompliziert wird) nicht nach LA passt. Er ist zu bodenständig für diese extrovertierte Stadt, in der Millionen junger Menschen ihre Träume leben möchte. Er arbeitet wieder als Buchhändler, allerdings nicht so, wie er es gewohnt ist, sondern bei Anavrin (Nirvana rückwärts). Das ist ein Laden, in dem es alles gibt, was das Hipster-Herz begehrt, und somit auch pseudo-intellektuelle Bücher.

Damit ist LA, sein Job und sein gesamtes Umfeld der Inbegriff dessen, was Joe auf gar keinen Fall ist. Aber genau deshalb ist er ausgerechnet in der Stadt, in der man ihn wohl am wenigsten erwarten würde. Und genau diese falsche Identität spiegelt gewissermaßen die Falschheit wider, die Joe in der Los Angeles sieht. Doch bevor ich auf seine Begegnungen mit anderen Menschen eingehe, möchte ich noch etwas zu seinen Taten sagen:

Meiner Meinung nach kann man in der zweiten Staffel noch mehr Sympathie für Joe aufbauen als in der ersten Staffel. Zwar war es da schon schwierig, ihn zu hassen, nachdem alles aus seiner Sicht und mithilfe von Flashbacks in seine Zeit bei Mooney erzählt wurde. Doch diesmal erfährt man noch viel mehr über seine frühere Kindheit bei seinen Eltern. Außerdem tötet Joe lediglich einen Menschen, welcher zuvor mehrere Frauen, bzw. Mädchen, missbraucht hatte. Ich sage nicht, dass es richtig ist, Selbstjustiz zu üben, allerdings hilft das Motiv dabei, ihn besser zu verstehen.

Jetzt komme ich zu seinen Begegnungen mit anderen Menschen:

Fangen wir mit Will Bettelheim an, dem Typen, dem Joe die Identität stiehlt, den er einsperrt und eigentlich umbringen will. Die beiden haben ein sehr spannendes Verhältnis zueinander. Einerseits hält Joe Will in seinem nachgebauten Käfig fest, andererseits fragt er ihn an manchen Stellen um Rat. Und auch als Will dringend seine Tabletten braucht, hilft Joe ihm, statt ihn sterben zu lassen. Letztlich ist ihre Beziehung so weit, dass Joe ihn doch frei lässt, dass er zu seiner Freundin nach Manila ziehen kann. Und Will lässt ihm sogar eine Nummer zukommen, sodass Joe sich bei ihm melden kann, wenn er Probleme hat. Joe wird also zu Wills Freund, obwohl er seine Identität gestohlen und ihn eingesperrt hat. Dieses Verhältnis und diese Entwicklung werde ich wohl nie nachvollziehen können.

Die nächste auf meiner Liste ist Delilah. Sie ist die Vermieterin von Joe in LA, die ihn anfangs echt komisch findet, später etwas mit ihm hat, dann von ihm eingesperrt wird und letztlich von Love umgebracht. Delilah ist der Inbegriff der #metoo-Debatte. Sie wurde von Henderson missbraucht, wird von Joe dafür gerächt und veröffentlicht ihre Geschichte, woraufhin sie von Anhängern des Stars Drohbriefe bekommt. Doch erst Joe überzeugt sie davon, ihre Geschichte zu erzählen. Genau da liegt nämlich bei dieser ganzen Debatte das Problem: Die Frauen trauen sich, wenn überhaupt, meistens erst Jahre später über die Missbrauchsvorfälle zu sprechen, und dann ist es oft schon zu spät, den Männern etwas nachzuweisen. Allerdings will ich das Thema Feminismus hier nicht vertiefen, das würde ausarten. Ich habe bereits einen Beitrag zu Sexismus geschrieben und werde in Zukunft auch noch einen über Feminismus und #metoo schreiben.

Jedenfalls verkörpert Delilah eine starke junge Frau, die schon im Elternhaus mit Problemen zu kämpfen hatte und der im Leben nichts geschenkt wurde. Sie musste ihr Leben letztlich geben, weil Love auf sie eifersüchtig war. Das ist kein Ende, das man ihr als Zuschauer*in wünscht.

Kommen wir also nach Delilah auch zu Henderson. Joe hat zu einem Zeitpunkt Angst davor, genauso zu enden wie Henderson. Diese Annahme ist in seiner Kindheit mit einem gewalttätigen Vater und „Pflegevater“ (Mooney) begründet. Um Delilah und alle anderen Frauen zu rächen und Ellie zu schützen, bringt Joe Henderson letztlich um. Daraufhin lässt er auch Will frei und hofft auf ein „normales“, glückliches Leben, in dem er alle seine Taten hinter sich lassen kann. Henderson ist demnach das personifizierte Böse in der modernen Welt. Er lockt junge Mädchen mit Träumen zu sich, um sie auszunutzen. Joe bewahrt Ellie davor, genauso zu enden wie ihre Schwester, was ihn gewissermaßen zu einem Helden macht.

Weiter geht es mit Ellie, der Schwester von Delilah. Auch Ellie hatte eine schwere Kindheit, weshalb sie zu ihrer Schwester gezogen ist und dieser das Leben nicht immer unbedingt leicht macht. Ellie ist gewissermaßen der Inbegriff der Klischee-Jugend. Und doch durchbricht sie diese Stereotypen. Sie hat den großen Traum berühmt zu werden, tut aber auch wirklich etwas dafür. Sie dreht Filme, wirkt bei anderen Projekten mit und bringt ihren Fuß in die Tür (auch wenn es leider die falsche Tür war). Sie lässt sich auch nicht so leicht unterkriegen, ist genauso wie Delilah sehr selbstbewusst und steht auf eigenen Beinen.

Die Beziehung von Joe zu Ellie hat mich sehr an die zu Paco in der ersten Staffel erinnert. Auch ihn will er immer beschützen, weil er aus einer schwierigen Familie kommt. Er bringt ihm das Lesen näher, genauso wie Ellie. Doch Ellie ist im Gegensatz zu Paco als Figur so weit entwickelt, dass sie Joe sogar etwas zurückgibt. Sie lässt sich nicht auf ihn als Beschützer ein, rebelliert, was ganz klar ihrem Alter geschuldet ist. Aber sie hinterfragt auch kritisch und zeigt immer wieder, dass sie gut allein zurechtkommt. Am Ende wirft sie Joe dann auch vor, Schuld am Tod ihrer Schwester zu sein (womit sie nicht ganz Unrecht hat), ist sich allerdings nicht zu schade, das Geld, das er ihr regelmäßig schickt, anzunehmen.

Ellie und Delilah sind in der zweiten Staffel meine Lieblingscharaktere. Sie verkörpern den Feminismus und die Unabhängigkeit und lassen sich nicht so leichtfertig auf Joe ein, wie manch andere Frauen in der Vergangenheit.

Kommen wir zur nächsten Person, mit der Joe in LA mehr Kontakt hat: Forty Quinn. Er ist der Bruder von Love und wohl noch verkorkster als Joe selbst. Forty ist wie ein kleines Kind, Love hat ständig Sorgen wegen ihm, muss ständig auf ihn aufpassen. Er ist drogensüchtig, hat abstruse Träume vom Filmemachen und wird regelmäßig von seiner einflussreichen Familie aus Schwierigkeiten herausgeholt. Er ist also die Verkörperung von Charaktereigenschaften, die Joe hasst.

Die Wurzeln von Fortys Problemen lassen sich wohl auch in seiner Kindheit in einer kaputten Familie finden. Und trotz dem, dass Joe eine tiefe Abneigung gegen ihn hegt, hilft er ihm. Zum einen wegen Love, zum anderen aus einem sehr verdrehten Helfer-Syndrom heraus. Die Menschen, die Joe nicht umbringen will, will er beschützen und von ihnen will er Liebe empfangen.

Ich hab die schlechte Angewohnheit, Menschen helfen zu wollen.

Joe (in YOU Staffel 2 Folge 7)

Am Ende durchschaut Forty mithilfe des Films über die Geschichte von Beck aus der ersten Staffel, den er produzieren möchte, Joe und seine Taten und will seine Schwester retten. Das erste Mal in seinem Leben rettet er sie, statt sie ihn. Und dann lässt sie ihn nicht. Weil sie noch verrückter ist als Joe selbst, was Forty allerdings nicht weiß. Und bevor Forty Rache an Joe nehmen kann, wird er von einem Polizisten erschossen.

Forty ist ein Charakter, den ich nicht sonderlich mochte. Auch er personifiziert LA, allerdings auf eine unangenehme Weise. Und trotzdem war er notwendig für die Geschichte. Denn am Ende ist er der Einzige (nachdem Candace tot ist), der die Wahrheit ans Licht bringen möchte. Doch aufgrund seiner Vergangenheit wird ihm nicht geglaubt. Das ist ein unglaublich trauriges Ende für seinen Charakter.

Die vorletzte Person ist Candace, die Ex-Freundin von Joe, die plötzlich in seinem Leben in New York City auftaucht und ihn so ins Exil nach LA treibt, wo sie ihn allerdings aufstöbert und sein Leben von innen heraus zerstören möchte. Und warum das alles?

Joe hat sie (in der Storyline noch vor der ersten Staffel) lebendig begraben. Sie konnte sich befreien, doch dann hat ihr niemand geglaubt. Sie wurde immer nur als verrückte Ex hingestellt, die nicht mit der Trennung klar käme. Ihr Fall ist ein typisches Beispiel für unzureichende Polizeiarbeit in Missbrauchs- oder Vergewaltigungsfällen. Zu diesem Thema werde ich aber auch mehr im Feminismus-Beitrag schreiben.

Candace nimmt die Rache dann also selbst in die Hand. Doch wieder glaubt ihr erst einmal niemand, sondern dem charmanten Joe, der die Geschichte aus seiner Sicht (allerdings falsch) erzählt und Candace damit wieder als Verrückte erscheinen lässt. Als sie dann endlich den eindeutigen Beweis für Love hat, wird sie von dieser umgebracht. Denn genauso wenig wie Forty hat sie erwartet, dass Love noch verrückter ist als Joe (wenn sich da überhaupt Abstufungen machen lassen).

Sie auszuschalten bedeutet nur, das kosmische Gleichgewicht wieder herzustellen.

Joe über Candace (YOU Staffel 2)

Und nun nach meinen ellenlangen Ausführungen komme ich endlich zur Protagonistin von Joes Geschichte: Love Quinn. Die Metapher ihres Namens ist schon so offensichtlich, dass sie fast untergeht in ihrer Figur. Sie ist die Personifikation von Liebe. Zumindest in Joes Augen und zumindest am Anfang der Staffel.

Bei ihrer Charakterentwicklung finde ich sehr spannend, dass man bis zum Ende der Staffel keinen Schimmer hat, welche Geheimnisse Love verbirgt. Sie scheint wie ein weiteres Opfer von Joe, das allerdings selbstbewusster rüberkommt als Beck in der ersten Staffel. Doch dann entpuppt sie sich als Mörderin, als Psychopathin, die für die Liebe alles tun würde. Die für die Liebe bereits drei Menschen auf dem Gewissen hat. Wenn man bei ihr überhaupt von einem Gewissen sprechen kann.

Abgründe ziehen Abgründe an.

Joe (in YOU Staffel 2 Folge 7)

Love handelt grundsätzlich aus den selben Motiven wie Joe: Sie will geliebt werden, die wahre Liebe finden, die Menschen, die sie liebt, beschützen. Nur würde sie (genauso wie Joe) dafür weiter gehen als die meisten Menschen. Sie tötete, um ihren Bruder zu beschützen, sie tötete, um ihr ungeborenes Kind zu schützen und sie tötete, um Joe zu schützen. Dadurch, dass ihre dunkle Seite so plötzlich zum Vorschein kommt, und nicht wie bei Joe nach und nach aufgebaut und erklärt wird, kam sie bei mir (und wahrscheinlich bei vielen anderen Zuschauer*innen) viel unsympathischer, viel kränker und bei weitem nicht so nachvollziehbar wie Joe rüber.

Selbst Joe scheint schockiert zu sein, als er es herausfindet. Kurzzeitig bekommt man das Gefühl, dass er Angst vor ihr hat, vor allem als sie ihn in seinen eigenen Käfig einsperrt, nachdem er eigentlich den Entschluss gefasst hat, sich seinen Taten zu stellen.

Ich habe es satt, allen anderen die Schuld für das zu geben, was ich getan habe.

Joe (in YOU Staffel 2 Folge 9)

Doch Love bezeichnet sie beide als Seelenverwandte und tauscht sich sogar mit ihm über die Morde aus. Sie fragt ihn zum Beispiel, wie alt er beim ersten Mal war und sie stellen fest, dass sie beide schon im Kindesalter getötet haben, aus reinem Hass, beziehungsweise, um die, die sie lieben, zu beschützen oder zu rächen. Joe seinen Vater, der seine Mutter geschlagen und missbraucht hat und von dem seine Mutter ohne seine Hilfe nicht weggekommen ist. Und Love das Au Pair der Familie, das ihren Bruder Forty ausgenutzt und vergewaltigt hat.

Es kommt in dieser Staffel von YOU – Du wirst mich lieben also gewissermaßen zu einer Verschiebung des „Bösen“. Indem Love am Ende als überraschende Psychopathin eingeführt wird, verschiebt sich auch die Bedeutung des Untertitels der Serie: Du wirst mich lieben bezieht sich nicht länger darauf, dass Love Joe lieben wird, sondern darauf, dass Joe sie lieben wird. Und im übertragenen Sinne kann man das auch auf das ungeborene Kind anwenden: Es wird seine Eltern lieben.

Glücklicherweise wissen wir schon jetzt, dass es eine dritte Staffel geben wird. Nicht nur, dass Netflix es bereits angekündigt hat und diese vielleicht sogar schon Ende diesen Jahres herauskommen könnte. Es gab auch wieder einen kleinen Ausblick in der letzten Szene, in der Joe seine neue Nachbarin durch den Zaun beobachtet. Wir wissen schon so viel: Sie hat mit Büchern zu tun, was sie für mich zu einer unglaublich interessanten Figur macht. Ich bin nur gespannt, ob diesmal Love Joe bei seiner Tat helfen wird.

Bis dahin viel Spaß beim Anschauen, deine

Angela ❤

Bilderquellen: Wikimedia, unsplash

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