Das Totanalysieren von Meisterwerken

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Es gibt keine Zeichen an sich, sondern nur die Interpretation der Zeichen.

Georg Wilhelm Exler

Was stört die SchülerInnen am Deutschunterricht am meisten? An was denken die meisten Menschen, wenn sie Literatur oder Textanalyse hören? Genau: An den wiederkäuenden Unterrichtsstil des Großteils der DeutschlehrerInnen.

Genau dasselbe hat mich am Unterricht auch gestört und trotzdem studiere ich jetzt genau das: Literaturwissenschaft – mit anderen Worten: Textanalyse und -interpretation. Warum studiere ich das, was ich immer gehasst habe? Ganz einfach: Weil es kaum gute DeutschlehrerInnen gibt und der Unterricht völlig falsch aufgebaut ist.

Die Texte, die im Deutschunterricht behandelt werden, werden zuhauf analysiert, interpretiert und in ihre Atome zerlegt. Ich nenne das gern das Totanalysieren von Literatur. Denn etwas Anderes ist es schlichtweg.

Die Dramen, Prosa-Texte und Gedichte werden so lange immer und immer und immer wieder besprochen, bis der eigentliche Gedanke der Literatur tot ist. Dass wir das im Studium machen ist völlig normal, aber auch okay für uns, weil wir uns dafür interessieren. Doch um SchülerInnen im Gymnasium (und ich spreche hier hauptsächlich über den bayerischen Gymnasialunterricht) bei Laune zu halten und ihnen vor allem die Schönheit der Literatur näher zu bringen braucht es mehr.

Man kann keinen pubertären Schüler bei der Stange halten, wenn man gefühlt ein halbes Jahr lang ein und denselben Text analysiert. Ich will einmal ein Beispiel nennen, dass alle Menschen, die auf einem Gymnasium waren, nachvollziehen können:

Wenn ich den Satz sage: „Ich fand Goethes Faust eigentlich echt gut.“ ernte ich meistens skeptische Blicke. Und warum? Weil niemand, der in Deutschland Abitur gemacht hat, mehr etwas über Faust – Der Tragödie Erster Teil hören will. Dieses Drama ist wohl das meistanalysierteste im deutschsprachigen Raum. Dabei ist es ein Meisterwerk.

Goethe hat eine Sprache benutzt, die sowohl poetisch als aber auch leicht verständlich ist. Dazu kommt eine abgedrehte Geschichte und die geniale Figur des Mephistos. Meiner Meinung nach könnten das Werk mehr Menschen schätzen, wenn es ihnen ihr Schulunterricht nicht zerstört hätte.

Mein Ansatz für einen (meines Erachtens nach) guten Deutschunterricht (vor allem auf die gymnasiale Oberstufe bezogen) wäre folgender:

Ja, weiterhin Werke der Weltliteratur lesen, allerdings etwas bunter gemischt mit aktuelleren Büchern. Mein aktuellster Roman in der Oberstufe war von Günter Grass Katz und Maus. Das ist nicht unbedingt sehr zeitgemäß. Man kann SchülerInnen, die sonst keinerlei Bezug zur Literatur haben nur mit Werken locken, mit welchen sie sich selbst identifizieren können.

Ich will damit nicht sagen, dass man Goethe, Schiller und Co. völlig außer Acht lassen sollte. Aber die Mischung macht’s. Deshalb bin ich auch stark für mehr weibliche Vertretung im Literaturkanon.

Zusätzlich sollten die LehrerInnen sich nicht zu lange mit einem Werk aufhalten. Mir als Literaturwissenschaftsstudentin ist natürlich völlig klar, dass man ein gesamtes Schuljahr über Faust reden könnte. Doch 16-Jährige kann man dafür wohl kaum begeistern. Deshalb: Abwechslung!

Genauso wichtig ist das Einstreuen von interessanten, wenn auch trivialen Fakten. Ich hatte das große Glück, in der Oberstufe eine unglaublich gebildete Lehrerin in Deutsch zu haben. Leider wurde sie auch selten von den SchülerInnen respektiert, weswegen kaum jemand ihrem Unterricht gefolgt ist.

Ich habe ihr zugehört und ich bin mir heute ziemlich sicher, dass sie einer der Gründe für die Wahl meines Studienfaches war. Sie hat einen unglaublich interessanten Unterricht gehalten. Sie hat sehr viel Wissen über SchriftstellerInnen und deren Leben, was die Beweggründe mancher Werke umso verständlicher macht.

Solche LehrerInnen sind leider sehr selten. Aber sie können das Interesse an der Literatur und der Sprache aufrechterhalten. Ich kann nur allen den Rat geben: Hört euren LehrerInnen zu, auch wenn sie auf den ersten Blick inkompetent erscheinen. Vielleicht hüten sie ein riesiges Wissen, das sie gern mit ihren SchülerInnen teilen möchten. Ihr habt es in der Oberstufe nicht mehr nötig, cool zu sein oder zu beweisen, dass euch die Schule überhaupt nicht juckt.

Denk einmal darüber nach. Bis bald, deine

Angela ❤

Bilderquelle: unsplash.com

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