Hertha Firnberg – Feministin der ersten Stunde

Die Probleme sind die alten geblieben: Wir leben in einer Welt von Männern für Männer gemacht.

Hertha Firnberg

Hertha Firnberg ist wohl vor allem den ÖsterreicherInnen ein Begriff. Die 1909 geborene Politikerin war die zweite Ministerin in der Republik und eine wichtige Kämpferin in der ersten Welle der Frauenbewegung. Ich will heute eine Hommage mithilfe dieses Porträts an sie schaffen. Vor einer Woche wäre sie 111 Jahre alt geworden.

Hertha Firnberg hat ihr Leben in Wien verbracht, ist dort geboren, wuchs in der Nähe auf und ist dort auch wieder gestorben 1994. Ihre Mutter war bereits als Beamtin tätig, was Anfang des 20. Jahrhunderts nicht unbedingt üblich war für Frauen. Jedoch hat sie ihre Arbeit aufgegeben, als Hertha auf die Welt kam und anschließend ihre zwei Brüder und ihre Schwester Trude. Ihr Vater war als Arzt tätig und hatte seine eigene Praxis, in der er vor allem auch arme Menschen unentgeltlich behandelte.

Ihre Eltern waren beide Sozialdemokraten, weshalb diese politische Gesinnung Hertha in die Wiege gelegt wurde. Nicht zuletzt, da ihre Eltern politische Themen auch immer vor ihren Kindern diskutiert haben und ihnen viele Bücher zur Verfügung stellten. In ihrer Karriere wurde Hertha immer von ihren Eltern unterstützt, die ihr auch ein Studium ermöglicht haben.

Sie hat in Wien zwei Semester Jus (in Deutschland Jura) studiert, dies allerdings abgebrochen, da sie von einer Aussage ihres Professors entmutigt wurde. Er hatte öffentlich bekannt gegeben, dass er Frauen sowieso nicht bei der Prüfung durchkommen lässt. Daraufhin hat sie Geschichte und Wirtschaftsgeschichte studiert und später auch einen Doktor in Philosophie gemacht.

Sie wohnte zu dieser Zeit und ihr gesamtes Leben mit ihrer Schwester zusammen. Diese hat in ihrem gemeinsamen Häuschen eine kleine Leihbücherei geführt und sich in Herthas späterem politischen Leben um den Haushalt gekümmert. Vor dem zweiten Weltkrieg war Hertha Firnberg zweimal kurz verheiratet, doch beide Ehen wurden wieder geschieden. Auch während der Ehe behielt sie noch ihren Nachnamen Firnberg und nahm einen Doppelnamen an. Ihre ersten Schritte als Feministin.

Als Sozialdemokratin hatte sie während des Ständestaats und später in der NS-Diktatur keine Chance eine Arbeit als Wissenschaftlerin zu bekommen. Deshalb hielt sie sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Unter anderem gab sie Nachhilfe und war als Journalistin für eine Modezeitschrift tätig. Nach dem Kriegsende bekam sie eine Stelle als Bibliothekarin und Assistentin an der Universität Wien.

Ihren Lebensabend beging sie in einem Frauenstift in Wien, das vor allem für unverheiratete Frauen im höheren Alter von adliger Herkunft gedacht war. Heute liegt sie auf dem Zentralfriedhof in Wien begraben.

Hertha Firnberg war bereits während ihrer Schulzeit politisch aktiv. Sie war Mitglied des Verband Sozialistischer Mittelschüler und später noch weiterer Organisationen und Gruppierungen. Ab 1959 hatte sie dann höhere politische Ämter inne:

Sie war Mitglied des Bundesrats, Abgeordnete im Nationalrat, Vorsitzende der sozialistischen Frauen, später dann auch Mitglied der Beratenden Versammlung des Europarates. Dort war sie die Vorsitzende der Kommission für Flüchtlings- und Bevölkerungsfragen. Sie war Mitglied des Asylbeirates im Innenministerium. Mit dem Machtantritt von Bruno Kreisky wurde sogar ein eigenes Ministerium für sie gegründet: Das Ministerium für Wissenschaft und Forschung, in dem sie die erste weibliche sozialdemokratische Ministerin war. Sie führte die Universitätsreform 1975 in Österreich an, darüber erzähle ich allerdings später noch etwas mehr. Sie wurde zur ersten Ehrenbürgerin der Stadt Wien. 1983 trat sie dann zurück, als Kreisky ebenfalls in den Ruhestand ging.

Aufgrund ihrer Karriere erhielt Hertha auch unzählige Auszeichnungen. Unter anderem mehrere Großkreuze und auch Ehrentitel von mehreren Universitäten.

Sie war insgesamt 13 Jahre in der Bundesregierung tätig, allerdings war sie bei Amtsantritt bereits 61 Jahre alt. Deshalb musste ein Gesetz geändert werden, das besagte, dass PolitikerInnen mit 66 Jahren alle ihre Ämter abgeben müssen. Letztlich war sie 74, als sie in den Ruhestand ging.

Doch ohne Bruno Kreisky wäre es wohl schwierig für sie geworden, Fuß in einer so männerdominierten Politik zu fassen. Der Kanzler hat sie stets unterstützt und ihr sehr viele Entscheidungen anvertraut. Trotzdem hat er sie nicht zur Vizekanzlerin ernannt. Darüber war sie sehr wütend, vor allem, da er es mit ihrem Alter begründet hatte.

Bereits in ihrer Jugend wollte Hertha Firnberg die Arbeiterklasse und die Wissenschaft zusammenbringen. Das hat sie letztlich mit der Hochschulreform 1975 geschafft. Diese Reform mündete in einem Gesetz, das Bildung für alle Schichten möglich macht. Außerdem liegt seither nicht mehr die alleinige Entscheidungskraft bei den ProfessorInnen. Die AssistentInnen und StudentInnen bekamen so das erste Mal die Möglichkeit, bei finanziellen und personalen Fragen mitzuentscheiden. Zusätzlich hatte bei großen Entscheidungen die Ministerin das letzte Wort. Aus diesem Grund pilgerten die Professoren reihenweise in ihr Ministerium mit Blumenstäußen bewaffnet. Auch wenn es ihnen vielleicht nicht passte, eine Frau als Vorgesetzte zu haben, mussten sie es dennoch akzeptieren.

Hertha Firnberg war im Allgemeinen immer offen für die Anliegen der StudentInnen und auch bereit zu Diskursen. Und trotzdem wurden nicht alle Entscheidungen ihrerseits gut geheißen. So hat sie zum Beispiel ein ehemaliges SS-Mitglied als Rektor an der Universität Wien im Amt belassen. Sie hätte ein Zeichen setzen können, doch das hat sie leider nicht. Trotzdem war sie wohl eine der besten und wichtigsten Ministerinnen Österreichs.

So hat sie sich neben der Freiheit der Wissenschaft und Forschung auch sehr für die Freiheit der Kunst eingesetzt. Dass das Museumsquartier in Wien (das ich übrigens im Juli selbst besucht habe) heute so aussieht und derart belebt ist, ist wohl zu großen Teilen ihr zu verdanken. Hertha hat die Modernisierung vieler Museen anberaumt, sowohl der Gebäude an sich, als auch der Exponate. Unter ihrer Leitung wurde eines der wichtigsten Werke Gustav Klimts gekauft und restauriert.

Wie ich bereits erwähnt habe, hat sich Hertha Firnberg vor allem für die Gleichberechtigung und Gleichstellung von Mann und Frau in allen Bereichen der Gesellschaft eingesetzt. Sie war eine Befürworterin der Abschaffung des Abtreibungsparagraphen, der besagte, dass es strafbar wäre, ein Kind abzutreiben. Sie war ein Teil der ersten Frauenbewegung und wurde dennoch von den Feministinnen der Neuen Frauenbewegung (der zweiten Welle sozusagen) kritisiert. Sie sei zu damenhaft, sie zöge sich zu weiblich an und gebe sich zu sehr als Frau.

Hertha hielt dagegen und kritisierte diese Feministinnen ihrerseits: Sie sagte, dass sie die Männer als Feindbild hätten. Das war für die Sozialdemokratin undenkbar. Sie war immer dafür, zusammen mit liberal aufgeschlossenen Männern für die Gleichberechtigung zu kämpfen und nicht gegen die Männer. Sie war auch gegen das Gender. So wollte sie selbst Frau Minister und nicht Ministerin genannt werden.

Es geht nicht darum, irgendeine Frau in der Regierung zu haben, sondern es geht darum, die richtige Frau am richtigen Regierungsplatz.

Hertha Firnberg

Hertha Firnberg schrieb regelmäßig in der sozialistischen Frauenzeitschrift Die Frau Artikel über die fehlende Gleichberechtigung, die sie auch immer mit Zahlen stützte. Vor allem führte sie Beispiele aus der Bildung, also von Hochschulen an, da sie in diesem Metier zuhause war. Sie hat ihr Leben lang dafür gekämpft, dass Mädchen an Schulen dieselben Rechte und Chancen bekommen wie die Jungen. Und dass kein Mädchen mehr einen Satz wie den ihres eigenen Jus-Professors zu hören bekommen muss.

Leider benötigten Feministinnen der ersten Stunde, wie Hertha Firnberg es war, einen mächtigen Mann hinter sich, der sie unterstützte. Hertha hatte Bruno Kreisky, den Kanzler, der besonders ihren Intellekt geschätzt hat und ihr stets viel zutraute. Ohne ihn hätte sie wohl auch das Familienrecht nicht revolutionieren können, sodass der Mann nicht mehr das Oberhaupt ist, sondern seine Ehefrau ihm gleichgestellt.

Ich kann zum Thema Hertha Firnberg die Doku Baumeisterinnen der Republik – Hertha Firnberg empfehlen. Darin sagt auch eine Zeitzeugin:

Die Firnberg ist mit den Männern in ihrer Umgebung sehr gut zurechtgekommen, indem sie sie alle reihenweise unglaublich abgekanzelt hat.

Das finde ich ein schönes Schlusswort. Hertha Firnberg hat gezeigt, dass man immer etwas erreichen kann, wenn man nur fest genug daran glaubt und dafür kämpft. Und keine Feministin sollte sich von einer anderen Feministin sagen lassen, sie wäre nicht feministisch genug, nur weil sie sich weiblicher anzog und die Männer nicht pauschal ablehnt.

Damit Ruhe in Frieden, Hertha Firnberg!

Bis bald, deine

Angela ❤

Quellen: https://de.wikipedia.org/wiki/Hertha_Firnberg // https://www.youtube.com/watch?v=b71sORIZl1Y

Bilderquellen: wikimedia images, unsplash.com

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