„Die literarischen Werte … wurden … mit Füßen getreten“

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Ich bin besonders der Ansicht, dass große ererbte Vermögen ein Unglück sind, die das Menschengeschlecht nur in Apathie führen.

Alfred Nobel

Ist es überhaupt möglich, Literatur auszuzeichnen? Ist ein Literaturnobelpreis zeitgemäß, sinnvoll oder notwendig? Mit dem umstrittenen Preis habe ich mich diese Woche im Zuge meines Studiums beschäftigt und wollte den Diskurs hier auch noch einmal aufgreifen.

Das Zitat aus dem Titel stammt von einem Artikel von Tobias Lehmkuhl in der Süddeutschen Zeitung über die diesjährige Preisträgerin des Literaturnobelpreises Louise Glück. Diese ist stark umstritten wie schon einige der Ausgezeichneten vor ihr. Dazu zählen unter anderem Svetlana Aleksievič 2015 oder Bob Dylan 2016. Bei beiden wurde die Literarizität ihrer Werke angezweifelt.

Bei Louise Glück liegt das Problem in der literarischen Qualität ihrer Gedichte. Sie wird oft als „kitschig“ bezeichnet und ohne weiteren Mehrwert. Doch wer definiert denn diese Qualität oder die Literatur im Allgemeinen?

Ich will hier jetzt nicht auf die altbekannte Frage der Literaturwissenschaft eingehen: Was ist Literatur? Denn diese Frage würde einen eigenen Beitrag verdienen, den ich vielleicht auch noch irgendwann schreibe. Doch über die Problematik kann man ganze Bücher verfassen, da sie eigentlich gar nicht zu beantworten ist, auch wenn viele Vertreter*innen eines normativen Literaturbegriff anderer Meinung sind.

Also zurück zum Literaturnobelpreis: Die schwedische Akademie hat glücklicherweise mittlerweile einen modernen Literaturbegriff zur Grundlage ihrer Entscheidung gemacht. Früher wurden oft nur westliche männliche Autoren ausgezeichnet, mittlerweile gibt es auch viele Preisträgerinnen, ebenfalls viele aus anderen Ländern als denen der westlichen Welt. Das ist eine erfreuliche Entwicklung, wenn auch jetzt immer noch ein Schema zu erkennen ist.

Jennifer Quist hat eine Studie über das Entscheidungsschema des Literaturnobelpreises bzw. der dahinterstehenden Jury veröffentlicht mit dem Titel Laurelled Lives. Darin hat sie sechs Kriterien herausgefiltert, nach denen die Akademie anscheinend ihre Preisträger*innen auswählt: bescheidene Herkunft, Migrationserfahrung / Exil, Dissidenz / Individualismus, Autobiographisches Schreiben, westlicher Referenzrahmen und Mehrsprachigkeit. Diese Kategorien sind nicht immer alle erfüllt, aber man erkennt trotzdem ein gewisses Muster.

Es wird wohl eine ewig anhaltende Diskussion sein, wer den Literaturnobelpreis verdient und wer nicht. Letztlich ist es sowohl bei den Kritiker*innen als auch bei der Jury subjektiv. Ich stehe auch nicht unbedingt hinter jeder Entscheidung der Akademie, aus den unterschiedlichsten Gründen, allerdings spreche ich niemandem der Preisträger*innen ihre Literarizität ab. Aber das liegt auch hauptsächlich daran, dass ich einen sehr weiten und deskriptiven (also beschreibenden) Literaturbegriff vertrete, wie es in der modernen Literaturwissenschaft auch üblich ist.

Wenn man nach dem Willen Alfred Nobels geht, muss die Literatur, die ausgezeichnet wird, idealistisch sein. Er umfasst damit ein sehr weites Feld und bezieht auch eher journalistische Arbeit wie der von Svetlana Aleksievič, Musikalisches wie von Bob Dylan oder Kitschiges wie von Louise Glück mit ein. Denn der Mehrwert von Glücks Arbeit kann durchaus gefunden werden, sowohl gesellschaftlicher als auch politischer Natur. Das liegt rein im Auge des Betrachters, wie auch ein Verteidigungsartikel der Übersetzerin von Glück, Ulrike Draesner, der von der ZEIT online veröffentlicht wurde, zeigt.

Ich finde es allgemein gesprochen problematisch, Kunst wie auch Literatur zu bewerten mithilfe eines Nobelpreises. Natürlich ist es eine besondere Honorierung der Schriftsteller*innen und deren Arbeiten, doch wer sind denn diese Menschen, die das bewerten? Ich würde nicht allzu viel auf einen derartigen Preis geben. Es gab in meinen Augen schon viele Preisträger*innen, die dessen mehr als würdig waren, aber es gibt und gab genauso viele Künstler*innen, die den Literaturnobelpreis mehr als verdient hätten, aber nicht bekommen haben.

Es gab, gibt und wird noch viele umstrittene Preisträger*innen geben, doch sollten Kritiker*innen sich meiner Meinung nach hüten, die Literarizität im 21. Jahrhundert anzuzweifeln. Ein, wie Iris Radisch ihn bezeichnet, klassischer Literaturbegriff ist nichts Anderes als ein stark normativer (wertender) und auch antiquierter Begriff, den man an die Gegebenheiten unserer Zeit anpassen sollte. Und das hat die Jury des Literaturnobelpreises getan, was ich ihr nur hoch anrechnen kann.

Damit einen schönen Tag und bis bald, deine

Angela ❤

Bilderquellen: wikimedia, unsplash.com

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