Studiere, Kind, sonst wird nichts Anständiges aus dir!

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Es hat noch niemand etwas Ordentliches geleistet, der nicht etwas Außerordentliches leisten wollte.

Marie von Ebner-Eschenbach

Unsere Gesellschaft ist eine reine Leistungsgesellschaft. Wenn man nicht auf ein Gymnasium geht, nicht studiert und nicht mindestens einen Master-Abschluss hat, hat man nichts Ordentliches gelernt. So zumindest der Gedankengang unserer Elterngeneration, könnte man meinen.

Ich wurde glücklicherweise nie dazu gedrängt, auf das Gymnasium zu gehen oder zu studieren, das haben meine Eltern mir überlassen. Aber sie waren leider sehr auf meine Noten fokussiert. Bei jeder Zensur, die schlechter als eine Zwei war, habe ich darüber nachgedacht, ob ich ihnen davon erzähle. Bei einer Drei gab es missbilligende Blicke, bei einer Vier Ermahnungen und bei einer Fünf oder Sechs gab es richtig Ärger.

Ich habe das meinen Eltern damals sehr übel genommen und die Konsequenz daraus war, wie oben schon erwähnt, dass ich ihnen irgendwann nur noch von meinen guten Noten erzählt habe und die schlechten unter den Tisch fallen ließ. Letztlich habe ich einen guten Abschluss gemacht und angefangen zu studieren.

Da liegt allerdings das nächste Problem: Meine Eltern haben mir nie vorgeschrieben, überhaupt zu studieren, geschweige denn, was ich studieren soll. Zum Glück! Trotzdem können sie mit meinem Studiengang einfach nichts anfangen. Würde ich Lehramt studieren, wie meine ältere Schwester, würde ich Lehrerin werden, würde ich Architektur studieren, Architektin, würde ich Jura studieren, würde ich Anwältin werden und bei Medizin Ärztin. Aber was wird man denn mit Literaturwissenschaft?

Ich habe ihnen natürlich erklärt, welche Berufschancen ich später habe, aber trotzdem haben sie immer noch Sorge, dass ich keinen „anständigen“ Job bekomme. Ihnen wäre es also lieber, ich studierte irgendetwas Anderes. Trotzdem möchte ich noch einmal betonen, dass sie mir nie etwas vorschreiben, was ich mit meinem Leben anzufangen habe und mich auch immer unterstützen.

Da geht es mir vermutlich besser als vielen anderen Jugendlichen und auch Kindern in der heutigen Gesellschaft. Der Leitspruch der Leistungskultur lautet: „Studiere, Kind, sonst wird nichts Anständiges aus dir!“ Und das bekommen viele Schüler*innen von ihren Eltern, aber auch von ihrem sonstigen Umfeld immer und immer wieder zu hören.

Aber warum eigentlich? Warum ist man heute nichts mehr wert, wenn man nicht studiert? Warum zählen Ausbildungsberufe heute nichts mehr? Und warum dürfen viele Kinder nicht mehr selbst entscheiden, was sie machen wollen?

Ich kann diese Fragen nicht beantworten, denn ich bin keine Sozialwissenschaftlerin. Ich kann nur aus eigener Erfahrung und mit meinem küchenpsychologischen Wissen sprechen:

Unsere Elterngeneration (die Babyboomer-Generation) ist zweigeteilt aufgewachsen. Vor ihnen war es mehr oder weniger unüblich für die „normalen“ Bürger*innen auf ein Gymnasium zu gehen, geschweige denn zu studieren. Mit ihrer Generation brauchte man für immer mehr Berufe ein Studium oder zumindest ein Abitur / Matura. Also gingen schon mehr Kinder auf Gymnasien, vor allem aber noch in der Stadtbevölkerung. Auf dem ärmlicheren Land hielt man weiter an den Ausbildungsberufen fest. Vorne mit dabei die Handwerksberufe und wer dafür zu ungeschickt war, ging ins Büro oder zur Bank.

Im Laufe des Lebens unserer Eltern, die dann schon im Berufsleben standen, bekamen die Universitäten und Hochschulen immer mehr ansehen. Es gab irgendwann unzählige Studiengänge und die Unternehmen fingen an, lieber Menschen einzustellen, die studiert hatten. Unsere Eltern wurden schlimmstenfalls also von einem praxis-unerfahrenen, dafür aber studierten Kollegen ersetzt. Und diese Erfahrung ist bei ihnen hängengeblieben. Sie haben außerdem immer miterlebt, wie Mitarbeiter*innen, die studiert haben, viel mehr Lohn bekamen, als sie selbst.

Somit haben unsere Eltern also gelernt: Wenn man studiert, bekommt man viel Geld und einen „anständigen“ Job. Und genau das haben sie an uns weitergegeben. Deshalb sind wir nun Kinder einer enormen Leistungsgesellschaft, auf denen der Druck der Erwartungen von ihren Eltern lastet. Und wir werden davon erdrückt. Wir halten dem Druck nicht mehr stand. Wir springen von Studiengang zu Studiengang, weil wir einfach nicht wissen, was wir mit unserem Leben anfangen wollen. Wir quälen uns mit viel Nachhilfe und schlechten Noten durch das Gymnasium, nur um am Ende ein Blatt Papier mit der Aufschrift „Allgemeine Hochschulreife“ in der Hand zu halten.

Wir sind alle Opfer unserer Gesellschaft. Deswegen hoffe ich sehr, dass wir unsere Kinder anders erziehen. Ihnen beibringen, dass sie nicht um jeden Preis studieren müssen. Dass Noten nicht alles im Leben sind. Und dass man ohne Abitur und ohne Master-Abschluss immer noch etwas wert ist und auch erfolgreich sein kann!

Bis bald, deine

Angela ❤

Bilderquelle: unsplash.com

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